Mehrere Verkehrsunfälle in Kärnten nach vermuteten medizinischen Notfällen am Steuer rücken ein oft unterschätztes Thema in den Fokus. Intensivmediziner und Notarzt Dr. Stefan Neuwersch-Sommeregger erklärt, welche Erkrankungen dahinterstecken können, welche Warnzeichen ernst zu nehmen sind und warum die aktuelle Hitzewelle das Risiko zusätzlich erhöht, insbesondere bei Menschen mit Vorerkrankungen.
EOA Dr. Stefan Neuwersch-Sommeregger, MSc, Erster Oberarzt an der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder St. Veit/Glan sowie Notarzt am Christophorus 11 und leitender Flugrettungsarzt des Notarzthubschraubers Alpin 1, erklärt die wichtigsten Zusammenhänge.
Ob die jüngsten Ereignisse tatsächlich eine außergewöhnliche Häufung darstellen, lasse sich laut Neuwersch-Sommeregger derzeit nicht sagen. Einzelne Fälle würden keine Aussagen über einen statistischen Trend zulassen. Dennoch seien sie ein wichtiger Anlass, um über Prävention, Warnzeichen und die Fahrtauglichkeit bei bestimmten Erkrankungen zu informieren.
Zu den häufigsten medizinischen Ursachen zählen Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt und Schlaganfall. Aber auch epileptische Anfälle oder schwere Unterzuckerungen bei Menschen mit Diabetes können dazu führen, dass Betroffene innerhalb kürzester Zeit nicht mehr sicher reagieren können. Welche Ursache letztlich hinter einem medizinischen Notfall steckt, müsse immer individuell ärztlich abgeklärt werden.
Viele Menschen setzen eine kurze Bewusstlosigkeit mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand gleich. Der Mediziner weist darauf hin, dass es sich dabei um zwei völlig unterschiedliche Situationen handelt. Bei einer Synkope schlägt das Herz in den meisten Fällen weiter. Das Gehirn wird jedoch vorübergehend nicht ausreichend durchblutet, wodurch das Bewusstsein kurz verloren geht. Ein Herz-Kreislauf-Stillstand bedeutet hingegen, dass das Herz kein Blut mehr durch den Körper pumpt und sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen notwendig sind.
Die aktuelle Hitzewelle kann das Risiko zusätzlich erhöhen. Durch starkes Schwitzen verliert der Körper Flüssigkeit und Elektrolyte. Das kann zu Blutdruckabfällen, Schwindel oder Kreislaufproblemen führen und bestehende Erkrankungen verstärken. Besonders betroffen sind ältere Menschen sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen chronischen Erkrankungen. Ausreichendes Trinken, regelmäßige Pausen und ein möglichst kühles Fahrzeug können das Risiko senken. Wer sich bereits vor Fahrtantritt unwohl fühlt, sollte auf das Autofahren verzichten.
Bestimmte Medikamente können Müdigkeit verursachen oder die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. In Kombination mit Hitze oder Flüssigkeitsmangel kann sich dieser Effekt zusätzlich verstärken. Deshalb sollte man sich bei neuen Medikamenten über mögliche Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit informieren und bei Unsicherheiten ärztlichen Rat oder die Apotheke einholen.
Warnzeichen wie Schwindel, Herzrasen, Brustschmerzen, Seh- oder Sprachstörungen sowie plötzlich auftretende Schwäche sollten keinesfalls ignoriert werden. Solche Beschwerden können Vorboten eines medizinischen Notfalls sein. Wer sie bemerkt, sollte sie ärztlich abklären lassen und sich im Zweifel nicht mehr selbst ans Steuer setzen. Treten Beschwerden während der Fahrt auf, empfiehlt der Notarzt, das Fahrzeug sofort an einem sicheren Ort anzuhalten, die Warnblinkanlage einzuschalten, den Motor abzustellen und Hilfe zu verständigen. Keinesfalls sollte versucht werden, trotz der Beschwerden weiterzufahren.
Ein erhöhtes Risiko haben Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder neurologischen Erkrankungen. Das bedeutet laut Neuwersch-Sommeregger jedoch nicht automatisch, dass sie nicht Auto fahren dürfen. Entscheidend sei, dass die Grunderkrankung gut behandelt und stabil eingestellt ist. Regelmäßige ärztliche Kontrollen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen.
Nach einem Herzinfarkt, Schlaganfall, einer ungeklärten Bewusstlosigkeit, bestimmten Herzrhythmusstörungen oder einem epileptischen Anfall sollte die Fahrtauglichkeit jedenfalls ärztlich beurteilt werden. Wann das Lenken eines Fahrzeugs wieder möglich ist, hängt von der jeweiligen Erkrankung und ihrem individuellen Verlauf ab.
Aus seiner langjährigen Erfahrung als Intensivmediziner und Notarzt berichtet Neuwersch-Sommeregger, dass Betroffene oder Angehörige im Nachhinein häufig von bereits bestehenden Warnzeichen wie Schwindel, Brustschmerzen oder wiederkehrenden Kreislaufproblemen berichten.
Sein wichtigster Rat lautet deshalb: Gerade an heißen Sommertagen gesundheitliche Beschwerden nicht unterschätzen. Wer Warnzeichen ernst nimmt, ausreichend trinkt, Beschwerden rechtzeitig ärztlich abklären lässt und im Zweifel auf das Autofahren verzichtet, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer.
Foto: HF Pictures/Heike Fuchs